Modulhandbuch SG300 Portraitzeichnen

Modulhandbuch SG300 Portraitzeichnen#

Im Kurs Portraitzeichnen thematisieren wir das naturgetreue Erfassen eines ausdrucksvollen menschlichen Gesichts in Theorie und Praxis. Stilrichtungen wie Karikatur, Anime, Manga, Graphic Novel, Fantasy sind nur am Rande Bestandteil des Kurses. Ziel sind digitale Auszeiten im Zug, im Café, ohne Tablet. Wir arbeiten mit einer minimalistischen Grundausstattung, rein analog: Ein DIN A6 Postkartengröße Notizbuch, zwei Bleistifte (2h, 8b), drei Radiergummis. Der Kurs wendet sich an Anfänger und Fortgeschrittene. Er fördert individuelles Lernen ebenso wie gemeinsame Lernerfahrungen. Geplant ist auch ein Besuch in der Staatlichen Graphischen Sammlung München.

Der Kurs ist kein konventioneller Zeichenkurs. Zwar machen wir mit dem Stift in der Hand praktische Übungen in Richtung Portraitzeichnen. Aber diese Praxis ist exemplarisch, sie dient uns als Anker für das Thema Portraitzeichnen an sich: Der Aufbau, die Wirkung, die Eigenschaften, die Aussage von Portraits; die Eigenschaften von Zeichnungen im Gegensatz zur Malerei oder Fotografie; die Bedeutung von Portraits in der neueren Kunstgeschichte; Portraitzeichnen als Praxis und als Kunst. Und wir gehen auf die Meta-Metaebene: Wir reflektieren am Beispiel vom Portraitzeichnen explizit, wie wir auch in anderen Bereichen für uns selbst die Verantwortung für unser eigenes Lernen übernehmen können.

Der Kurs hat drei inhaltliche Ebenen:

Ebene 1, Praxis:

  • Grundfertigkeiten des Zeichnens mit weichem Graphit: Linie, Fläche, Schraffur, Schummern; Aufhellen mit verschiedenen Radierern. Unser Kurs legt einen spezifischen Schwerpunkt auf Fläche, Grauwerte, Übergänge, insgesamt malerisches Zeichnen mit weichem Bleistift.

  • Grundfertigkeiten des Portraitzeichnens: Auge, Nase, Mund im Detail und ihr Verhältnis zueinander im Gesicht; Norm-Proportionen des Gesichts und des Kopfes und ihre Abweichungen.

  • Modi der Wahrnehmung: Zusammenhang vom sprachlich-analytischen Symbolsystem (Metapher: linke Hirnhälfte) und nichtsprachlicher Wahrnehmung (Metapher: rechte Hirnhälfte); “Sehen lernen”

Ebene 2, Reflexion:

  • Was macht ein gelungenes Portrait aus, unabhängig ob gezeichnet, gemalt, photographiert?

  • Was ist Kunst? Was ist Kunst für mich? Geht es überhaupt um Kunst, oder geht es um etwas anderes? Warum will ich zeichnen?

  • Selbstwahrnehmung von Gelegenheit, Kraft und Zeit: eine förderliche Umgebung gestalten; Anfänge setzen; Anstrengung vs. Flow; kreative Pausen; Gutseinlassen; Betrachten statt Bewerten; das richtige Ende finden; Zurückschauen, Vorausschauen, Weitergehen.

Ebene 3, Lernen lernen: Lernen muss man selbst, das kann einem ein Lehrer nicht abnehmen. Portraitzeichnen zu lernen ist ähnlich aufwendig wie das Erlernen einer Sprache oder eines Musikinstrumentes. Auch hier gilt die Faustregel: Wer es bis zur Meisterschaft gebracht hat, hat 10.000 Stunden investiert – überwiegend in Eigenverantwortung probierend, übend, machend. Wer alle Verantwortung an den Lehrer abgibt wird nicht weit kommen. Wir stellen uns auch Fragen wie diese: Welche Aufgaben kann man an einen Lehrer delegieren, welche Verantwortung will, kann, muss man bei sich selbst behalten? Es geht darum, die Verantwortung für das eigene Lernen zu übernehmen: Wo komme ich her, wo will ich hin? Über welche Ressourcen verfüge ich bereits, wie kann ich diese einsetzen? Welche Ressourcen fehlen mir, welche benötige ich, wo bekomme ich die her? Was kann ich gut, wo benötige ich Hilfe, welche Hilfe? Wann wird zu viel Hilfe zum Problem? Noch einen Schritt weiter würde es gehen, Autodidaktik zu erlernen, um sich selbst ein guter Lehrer zu sein: “Hilf mir, es selbst zu tun”.

Leistungsnachweis#

Bis am letzten Tag der Vorlesungszeit sind auf Moodle drei schriftliche Reflexionen im Umfang von je ca. 1000 Wörtern plus Zeichnung hochzuladen:

  • Vorstellung eines gezeichneten Portraits aus Kunstgeschichte oder Gegenwart. (Dazu haben wir im ersten Drittel der Veranstaltung eine eigene Sitzung).

  • Beschreibung der eigenen Praxis anhand von einer oder mehreren eigenen Zeichnungen (ggf. sogar ganzes Portrait, aber im Regelfall lohnt sich eher der Blick auf gelungene Details).

  • Reflexion, mit freier Schwerpunktsetzung aus Ebene 1, Ebene 2, Ebene 3 oder auch Museumsbesuch: Bedeutung des Portraitzeichnens für mich?

Achtung: Es findet keinerlei Bewertung der eingereichten Zeichnungen statt. SG300 ist kein Zeichenkurs, es geht nicht darum, Zeichnen zu lernen. Unser eigentliches Thema ist das Erlernen einer Kunstfertigkeit am Beispiel des Portraitzeichnens, darüber gehen auch unsere Reflexionen. Aber um diese Reflexion anstellen zu können machen wir auch praktische Übungen im Portraitzeichnen.

Literatur#

Der Dozent stellt eine kuratierte Auswahl von Tutorials und Videos aus dem Internet bereit. Homepage zur Veranstaltung:

Material#

Benötigt werden:

  • zwei Bleistifte (2h, 8b)

  • ein Skizzenbuch (DIN A6) aus Papier: glattes Kopierpapier ist vollkommen ausreichend; Bütten- oder anderes “edles”, strukturiertes, auch zu raues Papier ist weniger geeignet

  • Radiergummis nach Ansage

  • Cuttermesser

  • Plasiklineal 30cm

  • eine Nagelfeile

Die Gesamtkosten für die Grundausstattung sollten 20 Euro nicht überschreiten.

optional:

  • ein Estompe (Papierwischer)

  • “edles” Papier für Experimente?

  • nach Belieben viele andere Gimmicks

  • Für Kunsthandwerk kann man auch viel Geld ausgeben. Das ist aber in unserem Kurs nicht nötig.

Idealerweise schaffen Sie sich das Materials erst im Anschluss an die erste Sitzung an.