WEMI

Wir unterscheiden vier Aspekte einer Publikation:

  • Werk: die geistige Idee, die eigentliche schöpferische Leistung; typisches Merkmal: Autor
  • Expression: eine Darstellung des Werks in Schrift und Bild: typische Merkmale sind Sprache der Beschreibung, Notation, des formalen Systems
  • Manifestation: Die Codierung, medienspezifische Umsetzung einer Expression; typisches Merkmal ist Format
  • Item: konkrete Datei mit Ort, Metadaten wie letzter Zugriff, Zugriffrechte

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Text 2026-06-10

Dieser Text: Der Versuch einer anschaulichen Erklärung;

Wenn man etwas aufschreibt oder ein Dokument erzeugt, entsteht physikalisch Papier oder digital eine Datei. Wer handschriftlich etwas aufschreibt, erzeugt so ein Unikat: ein Brief, ein Einkaufszettel für den Aldi, eine musikalische Idee auf einem Stück Notenpapier. In den meisten Fällen allerdings entsteht ein einzelnes von vielen gleichen Exemplaren.

Die einzelnen Exemplare können wir beschreiben z.B. durch Ort und Zugriffsmöglichkeiten: Wo liegt das Buch? In welcher Bibliothek kann ich es ausleihen und mit nach hause nehmen? In welchen Ordner habe ich die Dateigespeichert, habe ich die Zugriffsrechte? Die einzelnen Exemplare sind physikalische Gegenstände Papier, Zeichenströme, 01 Information.

Wir können nach den relevanten gleichen Eigenschaften dieser vielen exemplare Suchen. So entsteht ein abstrakter Gegenstand, ein Prototyp des Papiers oder der Datei. Ein abstraktes Buch, das ich über ISBN in einer Buchhandlung bestellen kann, mit Format, gebunden oder Paperback, Verlag; oder eine abstrakte Datei z.B. mit Format, Dateigröße, zugeordneter Software zum Bearbeiten.

Auf dem Papier in der Datei ist etwas aufgeschrieben: in natürlicher Sprache mit Buchstaben, Zeichen, ein Diagramm, eine Zeichnung, oder auch Programmcode.

Aufgeschrieben wird eine geistige Idee, dass Ergebnis des Denkens eines Menschen. Die geistige Idee kann existieren, ohne dass sie aufgeschrieben ist; aber sichtbar und kommunizierbar wird sie erst durch das Aufschreiben z.B. in natürlicher Sprache oder mathematische Formel; durch das Erstellen des Diagramms, das Programmieren.

Die geistige Idee hat einen Autor; der Aufschrieb hat einen Verfasser, einen Übersetzer. Die selbe geistige Idee kann auf verschiedene Art und Weise ausgedrückt, aufgeschrieben werden.

Im Bibliothekswesen sind diese Unterscheidung seit langem bekannt und gehören zum Kern professioneller Katalogisierung und Dokumentation. Das Werk ist die geistige Idee. Die Expression ist eine Ausdrucksform der geistigen Idee z.B. in Form von verschriftlicher Sprache, Zeichnung, Diagramm, visuelle Darstellung. Die Manifestation ist die abstrakte medienspezifische Realisierung einer Expression in einem bestimmten Medium. Das Item ist eine physikalische Realisierung einer Manifestation, die man in die Hand und mit nach Hause nehmen kann.

Werk, Expression, Manifestation, Item –kurz: WEMI – sind die konzeptionelle Grundlage vieler internationalen und täglich angewanntdter Normen in Bibliothekswesen.

Es ist möglich, WEMI auch in die digitale Welt zu übertragen. Auch hier ist das Werk die geistige Idee. Die Expression ist ein Modell der geistigen Idee in einer bestimmten Modellierungssprache. Die Manifestation ist die Kodierung des Modells in einem bestimmten Format. Das Item ist eine konkrete Datei.

Eine geistige Idee, ein Werk, ein Ergebnis längeren Nachdenkens aufzuschreiben, d.h. in ein Reihe von einzelnen, eng aufeinander bezogenen Expressionen in abstrakten Modellen zum Ausdruck zu bringen ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Insbesondere erfordert diese Aufgabe praktische Kompetenz in der Kunst des Formulierens, des Visualisierens, des Codierens.

Etwas schriftlich zum Ausdruck zu bringen ist engstens verbunden mit der Kunst, die Schrift, das Diagramm, das Programm in einem bestimmten Medium festzuhalten. Einerseits macht es einen fundamentalen Unterschied, ob man über das Modell einer geistigen Idee – Inhalt – oder die Kodierung eines Modells in bestimmten Formaten mit bestimmten Techniken – Darstellung – redet. Anderseits bedingen sich Expression und Manifestation, Inhalt und Darstellung in engster Weise. Was ich mit einer bestimmten Technologie nicht codieren kann, kann ich nur schwer zum ausdruck bringen. Die technischen Darstellungsmöglichkeiten bestimmen die Form der Modelle meiner geistigen Idee.

Es macht einen Unterschied, ob man eine Bachelorarbeit als PDF Datei oder als eine statische Website konzipiert. Wer Word oder LaTeX benutzt bringt seine Gedanken anders zu Papier als jemand, der mit Obsidian eine Quarto-Website generiert. Word, LaTeX, Markdown unterstützen ganz unterschidliche Techniken der Referenzierung von Textstellen, Abbildungen, Code-Schnipsel. Es macht einen Unterschied, welche Entwicklungsumgebung ich benutze. WYSIWYG-basierte Philosophien erzeugen “schöne” einzelne Dokumente. Markup-basierte Philosophien erzeugen wiederverwendbare, hoch strukturierte und gut vernetzte Gruppen von Dokumenten. In pdf wird der Begriff des Dokuments mit dem Begriff der Datei identifiziert; in der Web-First basierten Softwaredokumentation setzt sich eine Dokument aus vielen einzelnen differenziert adressierbaren Dateien zusammen.