Abschlussarbeit mit Diataxis
Herausforderungen
Problem: Nicht wenige Kollegen an der Hochschule geben keine theoretischen Abschlussarbeiten mehr aus, Begründung: Die Kollegen können nicht mehr festellen, ob der Text von einem Menschen oder eine KI geschrieben wurde; zu viele Täuschungen; “nur Text” ist wertlos geworden, weil die KI of besseren Text erzeugen kann als ein Absolvent.Vor Täuschung durch KI kann man sich in der Tat technisch kaum schützen. Technische Wettrennen zur KI-Erkennung können wir nur verlieren.
Früher hat ein Informatiker (m/w/d) programmiert, indem er Code selbst geschrieben hat. Heute “programmiert” er, indem er Code generieren lässt. Es entsteht ein Artefakt, das sich aus Code und Doumentation zusammensetzt. Die Qualität dieses Artefakts kann man retrospektiv z.B. durch (Blackbox-) Tests oder durch Code-Reviews plausibel machen, und natürlich kann man auch vorausschauende Qualitätssicherung betreiben. All das muss nachvollziehbar sein und dazu sauber dokumentiert werden. Wir erhalten nicht nur eine Ergebnis-, sondern auch eine Prozess-Dokumentation. Auch die Qualität einer Dokumentation kann man vorausschauend qualitätssichern und retrospektiv plausibel machen.
Einige wissenschaftliche Institutionen oder Drittmittelgeber fordern im Rahmen des Forschungsdatenmanagements (FDM) ein transparentes Protokoll des Arbeitsfortschritts.
Zum Beispiel Modul Data Science: Bis vor wenigen Jahren musste man eine in Python programmierte Datenanalyse abgeben. Heute kann eine solche von der KI erzeugt werden. Ist damit die Studienarbeit tot? Nein, jedenfalls dann nicht, wenn nicht die Datenanalyse, der Code das Ziel ist, sondern eine Dokumentation der Entwicklung der Datenanalyse über die Zeit.
Der Shift vom Selbermachen zur Auftragserteilung erzeugt Requirements bzgl. der Dokumentation, für die es in der Technischen Kommunikation und Software-Dokumentation längst breit etablierte Lösungen gibt. Wir lehren solche in unserem Curriculum bisher nicht, sollten das aber m.E. tun. Auch wir Dozenten müssen umdenken. Als Dokumentation einer Abschlussarbeit sollte nicht mehr das Ergebnis eines (praktischen oder wissenschaftlichen) Erkenntnisprozesses stehen, sondern alles, was diesen Prozess nachvollziehbar macht. Die Form eines konventionellen Buches oder eines sog. wissenschaftlichen Aufsatzes sind hierfür kaum geeignet, wir müssen uns auf die Such nach Alternativen begeben.
Lösungsansatz
Ausgangspunkt: Wissenschaft nutzt nur noch im Ausnahmefall Papier. Im Zeitalter der Digitalisierung sollten Dokumentationen sich nicht am Medium Druck, nicht an den Printmedien orientieren, sondern für ein Display optimiert sein. Wenn wir das ernst nehmen, entstehen ganz neue Möglichkeiten für die Präsentation und Kommunikation von Forschungsbemühungen. Mögliche Eckpunkte:
- Statt pdf oder ebook-Formaten ist in der Praxis heute eine (iderweise statische, d.h. ohne Webserver konsumierbare) Website stand der Technik. Auch Abschlussarbeiten sollten Web First dokumentiert werden.
- Weil das Prüfungsamt (oder im Beruf der Auftraggeber) das so will, wird auch eine pdf-Datei erzeugt. Mit geeigneten Technologien des Cross Media Publishings geht das leicht auf Knopfdruck. Wie umfangreich oder “hässlich” die pdf-Datei ist spielt nur noch eine nachgeordnete Rolle. Qualitätskriterium ist die Vollständigeit für juristische Kontexte (Hochschule: Prüfungsrecht; Individualsoftware: Nachweis der Vertragserfüllung).
- Die Websiste ist nach modernen Standards der Software-Dokumentation strukturiert. Die Open-Source Welt orientiert sich an Diataxis.
- In der Informatik ist auch Code ein zentraler Bestandteil der Abschlussarbeit; in Data Science entsprechend Datenanalysen, Reports, Visualisierungen. All das sind “First Class Citicens”, die nicht nur als Screenshot in einen konventionellen Text eingebunden werden sollen, sondern in der Abgabe aus ausführbarer Code enthalten sein müssen.
- Wenn man eine Abschlussarbeit als ein Lernprojekt begreift, gehört auch die Dokumentation des Projektmanagements zur Arbeit. Ein wichtiger Bestandteil sind z.B. kurze Verlaufsprotokolle der Kontakte mit dem Auftraggeber oder dem betreuenden Dozenten.
Didaktische Chancen
Die zukünftigen Arbeitgeber unserer Studierenden erwarten, das ihre Mitarbeiter KI produktiv nutzen können, KI-Nutzung ist geboten. Die intelligente Nutzung von KI fließt in die Bewertung einer Abschlussarbeit ein. Dazu muss die KI-Nutzung genau und auf verschiedene Art und Weise dokumentiert werden. Auch Chat-Verläufe sind “First Class Citicens” einer Abschlussarbeit, ebenso ein Prompt-Verzeichnis. Auch Prompting kann methodisch erfolgen und im Methodenteil reflektiert werden.
Interessant ist also vor allem der Verlauf einer Forschungsbemühung. Zur Dokumentation gehört nicht nur die finale Version eines Textes, sondern auch eine aussagekräftige Editier-Historie der Entwicklung eines Textes. Im einfachsten Fall versioniert man Dateien mit angehängtem Datum, z.B. “text_2026-01-17.tex”, text_2026-01-21.tex” etc. Idealerweise verwendet man aber git; mit einem kleinen Python-Skript (KI: google.ai_git-textevolution_2026-07-01) kann man automatisch eine lückenlose, chronologische Beweiskette aller Text- und Code-Stufen mit Zeitstempel in ein Verzeichnis exportiere und mit Standard-Tools vergleichen.
misc
Der Begriff “Abschlussarbeit” wird hier primär im Sinn von “Bachelorarbeit” verstanden. Aber ebenso ist es denkbar, darunter die Dokumentation der eigenen Lernprozesse in einem mit Interesse besuchten Wahlpflichtfach zu verstehen: Das Wahlpflichtfach als ein Lernprojekt?
In der Informatik ist Markdown üblich – jedenfalls dort, wo programmiert und/oder auch ein GIT verwendet wird. . Die vorliegende Website lotet aus, wie Diataxis mit Pandoc-Markdown und Quarto umgesetzt werden kann, aber es gibt natürlich auch andere Technology Stacks.